Habilitationsprojekt Dr. Marie-Theres Modes


Forschungsvorhaben: Neurodiversität im Spannungsfeld von Deutungsmacht,
Emanzipation und Vereinnahmung

Perspektiven auf Räume und Praktiken der Ent-Hinderung


Das Forschungsprojekt (Habilitationsprojekt) von Marie-Theres Modes untersucht das
Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeitskonstruktionen und intersubjektiven
Aushandlungsprozessen von Personen, die sich selbst als neurodivergent bezeichnen. Im
Zentrum der Analyse steht die Ambivalenz gegenüber Kategorisierungspraktiken: Einerseits die
Selbstidentifikation als neurodivergent, andererseits die gleichzeitige Ablehnung machtvoller
Zuschreibungen durch Institutionen und Fachkulturen. Verschiedene Formen von Zu- und
Einordnungspraktiken, die von unterschiedlichen (wissenschaftlichen) Disziplinen, Fachkulturen
und Institutionen formuliert und angewendet werden, stehen dabei im Fokus der Untersuchung.

Zentrale Forschungsfragen
Ein Fokus liegt auf der Betrachtung von Deutungsmacht in diesem Zusammenhang: Wer
definiert Neurodivergenz, welche Sichtweisen werden in öffentliche Diskurse eingebracht und
wie entwickelt sich die Neurodiversitäts-Bewegung (Neurodiversity Movement) dadurch im
deutschsprachigen Raum weiter?
Ebenso fragt Marie-Theres Modes nach den Möglichkeiten von Inter- und Transdisziplinarität im
Feld der Neurodiversität und Neurodivergenz. Kann eine gelungene Form von
Interdisziplinarität als Transformationsfaktor fungieren und nachhaltige Prozesse anstoßen, die
sich positiv auf die Lebensrealität von Menschen aus dem Neurodivergenz-Spektrum auswirken?
Und welchen spezifischen Beitrag kann die reflexive sozialwissenschaftliche Diversitätsforschung
bei der Betrachtung dieses derzeit prominenten Themas leisten? Zentral ist zudem die Frage,
inwiefern das Selbstdeutungswissen von Personen, die sich als neurodivergent bezeichnen, als
Expert*innenwissen anerkannt und in wissenschaftliche sowie gesellschaftliche Diskurse
integriert wird. Wie verhält sich subjektives Erfahrungswissen zu professionellen und
institutionellen Deutungsansätzen?

Zielsetzungen der Studie
Die Zielsetzungen der Studie umfassen die qualitative Rekonstruktion subjektiver
Bedeutungszuschreibungen, Aushandlungsprozesse sowie Zugehörigkeits- und Nicht-
Zugehörigkeitskonstruktionen im Kontext von Neurodiversität und Neurodivergenz. Ein
tiefergehendes Verständnis darüber zu erlangen, inwieweit sich Personen, die sich als
neurodivergent verstehen, selbst positionieren und wie institutionelle sowie professionelle
Perspektiven diese Positionierungen beeinflussen, ist ebenso zentral.
Das Spannungsfeld zwischen Selbstermächtigung, Anpassung und gesellschaftlicher Normierung,
in dem sich Personen aus dem Neurodivergenz-Spektrum vielfach befinden, soll im Hinblick auf
bislang noch wenig beforschte und ggf. verborgene Strukturen und Funktionsweisen analysiert
werden. Abschließend gilt es, die Grenzen, Chancen und Möglichkeiten einer trans- und
interdisziplinären Aushandlung auszuloten und deren Reichweite als potenzieller
Transformationsfaktor kritisch zu diskutieren.

Theoretischer Rahmen
Das Projekt verortet sich an der Schnittstelle mehrerer theoretischer Diskurse und Rahmungen,
so sind insbesondere die Prämissen einer intersektional und reflexiv ausgerichteten
Diversitätsforschung zentral für die Überlegungen, weitere produktive Anschlüsse lassen sich in
den Perspektiven der Disability Studies finden, die sich u.a. kritisch-dekonstruktiv mit
Pathologisierung und ableistischen Konstruktionen von Leistungsfähigkeit auseinandersetzen,
sowie in der Subjektivierungsforschung und deren Fokus auf Strategien der Orientierung und
Selbstwirksamkeit von Akteur*innen in machtvollen Strukturen. Diese theoretischen
Perspektiven werden in einer theorieintegrativen Perspektive zusammengeführt, um das
komplexe Spannungsfeld von Neurodiversität, Deutungsmacht und Aushandlungsprozessen
adäquat zu erfassen. Die theoretische Grundposition des Projekts ist konstruktivistisch-kritisch:
Neurodivergenz wird nicht als biologisches Defizit, sondern auch als ein sozial-kulturell
konstruiertes Phänomen verstanden, das in spezifischen Macht- und Wissenskonstellationen
produziert und reproduziert wird. Aktuell prominent in der Debatte zur
Neurodiversitätsbewegung in Deutschland sind u.a. die Arbeiten von Marek Grummt, Ludger
Tebartz van Elst, Mechthild Richter und Christian Lindmeier.

Methodisches Vorgehen
Das methodische Vorgehen folgt einem qualitativ-interpretativen Forschungsdesign mit einer
Triangulation auf drei Ebenen. Die Datenerhebung erfolgt durch leitfadengestützte Interviews
(narrativ/biographisch, Expert*inneninterviews) mit drei Akteursgruppen:

- selbstidentifizierte neurodivergente Personen (mit und ohne Diagnose)
- Fachexpert*innen aus dem medizinischen/neurologischen/psychologischen Bereich
- sowie beratende Expert*innen aus dem Bildungssektor

Die Auswertung ist entlang interpretativ-rekonstruktiver Verfahren geplant
(Deutungsmusteranalyse und Grounded Theory). Die Studie wird unter Einhaltung der ethischen
Richtlinien für sozialwissenschaftliche Forschung durchgeführt, mit besonderer Aufmerksamkeit
für den Schutz vulnerabler Gruppen.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Beitrag
Die Studie trägt dazu bei, die gesellschaftliche Anerkennung und Integration von Neurodiversität
zu fördern, indem sie die Lebensrealitäten neurodivergenter Menschen in den Mittelpunkt stellt,
Machtverhältnisse in Diagnose- und Beratungssystemen kritisch reflektiert und Impulse für eine
inklusivere Praxis in Bildung, Gesundheit und Arbeitswelt gibt. Gleichzeitig wird die
Theoriebildung in der Diversitäts- und Disability-Forschung vorangetrieben, indem neue
Erkenntnisse über Aushandlungsprozesse, Deutungsmacht und die Grenzen und Chancen
interdisziplinäre Zusammenarbeit generiert werden. Die Studie knüpft dabei auch an bisherige
Forschungsperspektiven und -ergebnisse von Marie-Theres Modes an, in denen die Bedeutung
und Herstellung spezifischer Räume für soziale Praktiken im Kontext von Anerkennung untersucht wurde.